Forschen im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit
Natürlich ist der Untertitel schamlos bei Walter Benjamin abgekupfert, womit wir auch schon beim Thema wären. ‚Abkupfern‘ meinte ursprünglich die Vervielfältigung von Kupferstichen, heute wird damit vor allem ein widerrechtliches Abschreiben oder Kopieren (Plagiieren) assoziiert. Das Ablichten, Abschreiben, Abpausen, Abzeichnen, eben die Herstellung einer irgendwie gearteten Reproduktion eines Objektes war immer schon gängige Praxis: Eine Kopie konnte und kann auf ganz unterschiedliche Art und Weise, aus ganz unterschiedlichen Gründen hergestellt werden, sie war und ist abhängig von den verfügbaren oder beherrschbaren Techniken.
Das Verfahren der Gegenwart – und letztlich auch der vergangenen mehr als 150 Jahre – ist die Fotografie. Dadurch hat sich die fotografische Reproduktion als Produkt und technischer Prozess ganz automatisch in den Alltag, in die Wissenschaft, in Institutionen und in Sammlungen eingeschrieben. Dies gilt auch für ein Bildarchiv wie das des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV). Hier finden sich beispielsweise Aufnahmen von Objekten aus Museen oder Privathäusern, die direkt vor Ort gemacht worden sind. (Abb. 1) Bisweilen wurden (und werden) für eine solche Sammlung auch bereits vorhandene Reproduktionen reproduziert – Postkarten oder Abbildungen aus Publikationen –, die oft leichter verfügbar sind als die originalen Vorlagen. (Abb. 2 und 3) Gar nicht so selten sind darüber hinaus Aufnahmen von schriftlichen Quellen und aus der Literatur. (Abb. 4)




Was auf den ersten Blick ausgesprochen langweilig und bisweilen auch ermüdend erscheint, verweist auf den zweiten Blick auf bis heute gängige Forschungspraktiken. Gerade unikale Quellen sind nur am Ort ihrer Verwahrung zugänglich, was Reisen und somit die Aufwendung finanzieller wie zeitlicher Ressourcen notwendig macht. Ihre Reproduktion, egal ob auf individuelle Anfragen hin oder im Zuge groß angelegter Digitalisierungskampagnen, macht sie mobil und ermöglicht eine oft kostengünstigere, meist problemlose Auswertung am eigenen Schreibtisch. Auch das eigenständige Fotografieren ist heute in vielen Archive erlaubt. Die dabei entstehenden ‚Arbeitskopien‘ sind meist nicht für eine Publikation gedacht und oft auch nicht geeignet: Sie sind schlecht ausgeleuchtet, das vorhandene Licht führt zu unerwünschtem Schattenwurf, die Perspektive ist verzerrt, bei Aufnahmen an digitalen Mikrofilmgeräten ist eine Rasterung zu sehen. (Abb. 5 und 6)


Gibt es also gute und schlechte Reproduktionen? Gut im Sinne von publikationsfähig, entzerrt, kontrastreich, freigestellt oder farbengetreu? Der Fotohistoriker Steffen Siegel hat auf die an den ‚Rändern‘ der Fotografie eingeschriebenen Informationen hingewiesen: „Im Übergang vom Bildfeld zum Bildrand und vom Bildrand zum weiteren Kontext des Bildes lassen sich Hinweise ablesen, die sowohl den ursprünglichen publizistischen Kontext betreffen können als auch jenes Ökosystems des Archivs, in das die Fotografien eingegangen sind.“ Am ‚Rand‘ werden also die Reproduktionssituationen, -kontexte und -bedingungen sichtbar: ein dunkles Zimmer mit Fenster, rechts hinten ein Schrank oder eine Standuhr in Abbildung 1; die Reproduktion aus einem Buch heraus, gut erkennbar an den um die Fotografien gesetzten Rahmen in Abbildung 3; der vielleicht gedankenlose Umgang mit einem Negativ, wodurch sich ein Fingerabdruck auf den Abzug ‚einschreiben‘ konnte (Abb. 7); die starre Rückenbindung eines Bandes, die ein Fest- und Auseinanderhalten der Seiten notwendig macht, die Finger geraten so natürlich mit ins Bild. (Abb. 8)


Diese letzte Abbildung verweist nicht nur auf die ‚Ränder‘ der Fotografie, sondern hat, um weiter ‚im Bild‘ zu bleiben, auch den ‚Finger‘ auf den Grenzen der Reproduktion. Sie stammt aus der 1934 am Lehrstuhl für Deutsche Philologie und Volkskunde der Technischen Hochschule Dresden entstandenen Staatsarbeit von Helmut Hofmann (geb. 1915). Darin untersuchte er Blumenornamente auf Möbeln und nutzte 35 Fotografien für die Veranschaulichung seines Themas, darüber hinaus aber auch 47 farbige Zeichnungen von Details – nicht (nur), um seine zeichnerischen Fähigkeiten zu beweisen, sondern vor allem, um die floralen Details farbig wiedergeben zu können, was die Schwarz-Weiß-Aufnahmen nicht zu leisten im Stande waren.
Reproduktionen, egal ob von musealen Objekten oder schriftlichen Quellen, sind weit mehr als nur Kopien ihrer Vorlagen: Ihre ‚Ränder‘ zeigen Forschungsinteressen und -schwerpunkte; sie schützen die Originale, auch wenn sie, wie bei den Mikrofilmen, die Arbeit an der Kopie erzwingen; sie legen die sozialen, räumlichen, technischen und praktischen Bedingungen wissenschaftlicher Arbeit offen und machen gleichermaßen die Objekte dieser Arbeit verfügbar.
Literatur
Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (Dritte Fassung), 1980 (1936).
Sarah Kreiseler: Das zweite Original. Fotografische Kunstreproduktion von Wilhelm Weimar, Heidelberg 2025, https://doi.org/10.11588/arthistoricum.1682.
Nadine Kulbe: Das zweite Original – Fotografie neu ordnen: Reproduktionen. Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe (Hamburg), 6. Dezember 2019 bis 19. Juli 2020, in: Bildsehen / Bildhandeln. Akteur:innen und Praktiken der Alltags- und Amateurfotografie, 01.07.2020, https://doi.org/10.58079/otbe.
Nadine Kulbe: Menschen, Medien und Methoden. Ein anderer Blick auf den volkskundlichen Lehrstuhl an der TH Dresden (1926–1936) (Fundstück aus dem ISGV im Februar 2026), https://www.isgv.de/aktuelles/fundstuecke/details/fundstueck-aus-dem-isgv-im-februar-2026.
Steffen Siegel: Ein Bild von einem Bild? Über fotowissenschaftliche Reproduktionsstile, in: Rundbrief Fotografie 28 (2021), S. 7-16.
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Die “Visuellen Zugänge zu Alltag und Kultur” sind Teil unseres Vorhabens “2026 – Kultur? Wissenschaft! – 1926” anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Einrichtung eines volkskundlichen Lehrstuhls an der Technischen Hochschule Dresden.
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OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Nadine Kulbe (5. Mai 2026). Den Finger draufhaben. Bildsehen / Bildhandeln. Abgerufen am 15. September 2026 von https://doi.org/10.58079/166ah

