Visuelle Zugänge zu Alltag und Kultur – Jenseits der Abbildung
Farbigkeit spielt in der Beschäftigung mit visuellen Quellen eine wichtige Rolle. Sie lässt ein Objekt erst lebendig wirken – oder verändert es mitunter komplett. Auf Schwarz-Weiß-Fotografien, die um 1900 entstanden, wurden beispielsweise Gesichtsbehaarung, körperliche Eigenheiten oder Mimik mittels Kolorierungen herausgearbeitet. Sie verliehen dem fotografierten Objekt Ausdruck. Der Prozess war sehr aufwendig und erforderte technische Fertigkeiten. Wollte man sich aber im wissenschaftlichen Kontext gerade in einer so ‚bildlastigen‘ Disziplin wie der Volkskunde mit Bildern beschäftigen, waren demnach farbige Abbildungen nicht oder nur gering vorhanden. Das Institut für Volkskunde Dresden, das Vorgängerinstitut des ISGV, setzte seine Forschungsschwerpunkte zwischen 1947 und 1989 unter anderem auf die Erforschung von Bauernschränken, Volks- und Bergmannstrachten, Volkskunst und Spielzeug. Visuelle Quellen aus Büchern dieser Zeit waren zumeist nur in Grauschattierungen verfügbar. Wie sollten aber Muster auf verschiedenen Bauernschränken unterschieden werden? Welche Farben hatte ein Schaukelpferdchen aus dem Erzgebirge im Vergleich zu einem aus Sonneberg? War die Jacke eines Hüttenmeisters grau oder schwarz?
Die damalige Farbfotografie konnte Farben noch nicht so detailgetreu wiedergeben. Auch wäre die Anschaffung solcher Technik für ein kleines Institut zu kostspielig gewesen. Zudem hätte man nicht von allen Objekten Fotos machen können, da sie mitunter gar nicht mehr greifbar waren. Also musste sich auf Abbildungen in alten Büchern beschränkt werden. Um diesen Abbildungen wieder Farbigkeit zu verleihen, wurden schwarz-weiße Zeichnungen oder Stiche zum Beispiel aus Trachtenbüchern kopiert und nachträglich koloriert. Für diese aufwendige Arbeit brauchte das Institut eine geeignete Person, die dementsprechendes Wissen und Können sowie einen gewissen Feinsinn für die Umsetzung mitbrachte. Diese Person war Ursula Berger.
Die aus Zaschendorf stammende, 1922 geborene Berger hatte in der „Schule für Zeichnen und Malen“ von Woldemar Winkler (1902–2004) in Dresden Reklame- und Modezeichnen gelernt. Zwischen 1945 und 1947 lernte sie bei dem Maler Rudolf Gebhardt (1894–1985) in Hellerau, was ihre Technik und ihren Stil stark beeinflusste: „Dort hab ich erst mal richtig malen gelernt“, sagte sie selbst in einem Interview. Durch die zufällige Bekanntschaft mit dem Volkskundler Alfred Fiedler wurde Adolf Spamer, der damalige Leiter des Instituts, auf sie aufmerksam. Sie begann ihre Tätigkeit im Jahr 1952. Ihr Aufgabenbereich war fortan das Zeichnen und Kolorieren. Ab Ende der 1950er-Jahre kam auch das Fotografieren und später das Entwickeln hinzu. Ihre Zeichnungen wurden explizit für das volkskundliche Bildarchiv genutzt, welches ab den 50er-Jahren erweitert und neu ausgerichtet wurde. Im Rahmen ihrer Tätigkeit fertigte sie auch Auftragsarbeiten für diverse Publikationen des Instituts und der übrigen volkskundlichen DDR-Forschungsinstitute in Leipzig, Rostock, Berlin, Halle und des Sorbischen Instituts in Bautzen an. Anhand der Informationen auf den Bildkarten lässt sich der Arbeitsprozess von der schwarz-weiß Abbildung bis zum fertig kolorierten Bild gut nachvollziehen: So stellte Ursula Berger Reprografien von Aufnahmen aus alten Büchern her, die sie anschließend von Hand farbig mit Tusche kolorierte; dies wird beispielsweise bei der Darstellung von Bergleuten oder einer Seite aus einem Spielzeugmusterbuch deutlich.


Eine andere Möglichkeit war das direkte Abzeichnen alter Aufnahmen von Hand, so zum Beispiel bei den Braut- oder Alltagstrachten. Diese Tuscheskizzen wurden dann teilweise oder komplett von Hand koloriert, je nachdem, welchen Teil des Gewands man hervorheben wollte.


Im Bildarchiv finden sich auch Aufnahmen und Zeichnungen von Spielzeug und volkstümlichem Kunsthandwerk. Letzteres fotografierte Ursula Berger häufig selbst in Heimat- oder Stadtmuseen, fertigte ein Dia an und entwickelte zwei Aufnahmen: eine in schwarz-weiß und eine als mitunter vergrößerte Kopie, die sie kolorierte.

Die Farbigkeit der Objekte war durch Beschreibungen in der Fachliteratur oder ihre Auftraggeber vorgegeben, sie hatte sich darüber hinaus durch ihr Selbststudium der historischen Mode ein breites Fachwissen dazu angeeignet. Bei Gegenständen, die sie selbst fotografierte, notierte sie sich die Farben für die spätere Umsetzung an ihrem Schreibtisch. Mit dem 1. April 1983 endete ihre Stelle am Institut und somit verließ eine begabte und kreative Frau das Institut.

In den 30 Jahren ihrer grafischen Tätigkeit kolorierte sie mehr als 500 reproduzierte Stiche und Grafiken. Bis heute ist ihr einzigartig künstlerisches Werk im Bildarchiv des ISGV sichtbar. Daran wird eine Methode sichtbar, die in der Art und Weise heute nicht mehr benötigt wird, da die Farbfotografie diese aufwendigen Verfahren überflüssig machte, damals jedoch gängige Praxis war.
Quellen
ISGV, Unterlagen Ursula Berger, in: Archiv des Instituts für Volkskunde(AIFV)/K78/M3.
Jörg Hennersdorf: Interview Ursula Berger, geführt von Michael Simon und Brigitte Emmrich, ISGV 2000.
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Die “Visuellen Zugänge zu Alltag und Kultur” sind Teil unseres Vorhabens “2026 – Kultur? Wissenschaft! – 1926” anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Einrichtung eines volkskundlichen Lehrstuhls an der Technischen Hochschule Dresden.
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OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Claudia Dietze (7. April 2026). Wenn Farbe Leben einhaucht – die grafischen Arbeiten von Ursula Berger. Bildsehen / Bildhandeln. Abgerufen am 10. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/160zp

