Visuelle Zugänge zu Alltag und Kultur – Hintergründe

In der volkskundlich-kulturanthropologischen Forschung sind visuelle Quellen spätestens seit der Etablierung der Visuellen Anthropologie in den 1980er-Jahren fest im methodischen Werkzeugkoffer verankert. Doch obwohl es mittlerweile Common Sense ist, dass jede Fotografie eine konstruierte Wirklichkeit darstellt – geprägt durch den subjektiven Blick und den Kontext –, hält sich der Mythos, dass die Kamera eine objektive Zeugin sei, hartnäckig. Mit dem Aufkommen generativer KI scheint dieser „Beweischarakter“ endgültig widerlegt. Der Blick zurück zeigt jedoch: Die Fotografie war nie „wahr“ oder objektiv. Manipulation ist kein digitales Phänomen, sondern so alt wie das Medium selbst.
Schon im 19. Jahrhundert kämpften Fotograf:innen mit den Grenzen der Aufnahmetechnik. Zwar konnte die Kamera feinste Poren abbilden, doch das Auffälligste an der Welt war nicht reproduzierbar: die Farben. Um diesen „Mangel“ zu beheben, bedienten sie sich unterschiedlichster Methoden: So wurden beispielsweise mit feinen Pinseln Puderpigmente, Öl- oder Wasserfarben direkt auf die Negative aufgetragen, um Porträts Lebendigkeit einzuhauchen. Was heute mit einem „Beauty-Filter“ erledigt wird, war damals ein aufwendiges Handwerk: Mit Skalpellen und Knochenschabern wurden störende Elemente physisch aus der Fotoemulsion, der Schicht auf den Negativen, gekratzt. Mit Graphit wurden Falten aufgefüllt, bis das Gesicht auf dem Abzug der gesellschaftlichen Idealvorstellung entsprach. Die Grenze zwischen wohlmeinender Korrektur und gezielter Manipulation war damals wie heute fließend.


Auch die Montage entsprang technischer Insuffizienz: Frühe Fotoemulsionen waren für Blau- und Violetttöne so lichtempfindlich, dass der Himmel bei Außenaufnahmen oft überbelichtet und damit weiß blieb. Um diesen Mangel zu beheben, kombinierte man zwei Negative zu einem Ganzen. Was als technischer Kniff begann, entwickelte sich zur Kunstform und schließlich zur politischen Waffe. Während Künstler:innen wie John Heartfield die Fotomontage nutzten, um Machtverhältnisse zu persiflieren, nutzten diktatorische Regime im 20. Jahrhundert die Retusche, um Geschichte umzuschreiben. Politische Gegner verschwanden spurlos aus Gruppenbildern – eine frühe Form des „Content-Aware Fill“ (Entfernen unerwünschter Objekte und nahtloses Auffüllen des Leerbereichs), ausgeführt mit Pinsel und Schaber.


Der Prozess der Fotografie beinhaltet eine ganz Reihe von bewussten und unbewussten Entscheidungen, sowohl vor, während, als auch nach der eigentlichen Aufnahme. Ein Blick in das Bildarchiv des ISGV verdeutlicht die Konstruktion von Realität vor und während des Moments des Auslösens. Insbesondere die Gewerbe- und Industriefotografien des „Heimatwerks Sachsen“ zeigen deutlich, wie sehr die Aufnahmen nationalsozialistischen Idealvorstellungen folgten. Hier wurde nicht der mühsame Arbeitsalltag dokumentiert, sondern eine ideologisch überformte Arbeitswelt inszeniert, die mit der Realität der Werktätigen kaum Berührungspunkte hatte.

Mit der Digitalisierung in den 1990er-Jahren wandelte sich das starre Negativ in eine fluide Menge an Pixeln. Heute, im Zeitalter der KI, ist selbst der physische Akt des Fotografierens optional geworden. Der „Prompt“ ersetzt den Auslöser und transformiert die verschriftlichten Gedanken direkt in ein Bild.
Ob ein Bild „echt“ ist, lässt sich heute kaum noch verifizieren. Doch vielleicht ist das die falsche Frage. Wie der Künstler Jörg Sasse bemerkte, lässt sich die Welt ohnehin nicht eins zu eins aufzeichnen. Was wir sehen, ist stets eine Interpretation. Von der Glasplatte bis zum Algorithmus bleibt die Fotografie ein Werkzeug, um die eigene Sicht auf die Welt visuell zu übersetzen.
Literatur
Mia Fineman: Faking it. Manipulated photography before Photoshop. Ausstellungskatalog zur Ausstellung “Faking it. Manipulated photography before Photoshop.” des Metropolitan Museum of Art, New York. 2012.
Ulrike Keuper: Reproduktion als Übersetzung. Eine Metapher und ihre Folgen – vom Salonbericht bis zur frühen Fotokritik, Paderborn 2018.
Marc von Lüpke: Als die Fotos lügen lernten. Frühe Bildmanipulationen, 2014, auf: https://www.spiegel.de/geschichte/bildmanipulation-falsche-fotos-vor-der-digital-aera-a-996453.html 24.02.2026.
Philipp Schättler: Ein Bild lügt mehr als tausend Worte. Über den Heiligenschein fotografischer Dokumente. Damals und heute. Ausgabe 1/Sommer 2015. Muthesius Kunsthochschule. Kiel 2015. Auf: https://www.muthesius-kunsthochschule.de/wp-content/uploads/sites/17/2016/04/schaettler_philipp_magazin_einzelseiten.pdf 10.02.2026.
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Die “Visuellen Zugänge zu Alltag und Kultur” sind Teil unseres Vorhabens “2026 – Kultur? Wissenschaft! – 1926” anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Einrichtung eines volkskundlichen Lehrstuhls an der Technischen Hochschule Dresden.
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OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Marsina Noll (5. März 2026). Vom Schaber zum Prompt: Eine kurze Geschichte der Bildmanipulation. Bildsehen / Bildhandeln. Abgerufen am 14. September 2026 von https://doi.org/10.58079/15tb9

