Visuelle Zugänge zu Alltag und Kultur – Hintergründe
In den Räumen von Archiven sind leere Ecken und Regale eher selten zu finden. Dennoch gibt es kaum eine Sammlung, die für sich „Vollständigkeit“ beanspruchen kann. Sei es durch kuratorische Entscheidungen, die Genese des Bestandes selbst oder durch historische, gesellschaftliche, kulturelle sowie ökonomische Entwicklungen. Es finden sich immer wieder Leerstellen, ganz unabhängig davon, ob sie bewusst geschaffen wurden oder sich versehentlich gebildet haben. Unbeabsichtigte Lücken im Bestand sind dabei weniger ein Zeichen unzureichender Archivarbeit als vielmehr ein Mangel an Material und unterschiedlichen Perspektiven. Seit einigen Jahren gibt es vermehrte Bestrebungen, eben solche leeren Stellen zu füllen. Beispielsweise versucht das „Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland“ mit dem Archiv „De-Zentralbild“, die Geschichte von Migranten und Migrantinnen in der DDR sichtbar zu machen.
Im Bestand des (digitalen) Bildarchivs des ISGV sind visuelle Quellen aus den 1940er-Jahren in deutlich geringerer Zahl vorhanden als in den vorherigen und folgenden Jahrzehnten. Krieg und Zerstörung sind sicherlich der Hauptgrund für diesen Einschnitt, doch wird hier auch die Zäsur der Nachkriegsjahre offenbar: Die Entnazifizierungsstrategie in der Sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR hatte zur Folge, dass ein Großteil des gesammelten Bildmaterials aus der Zeit des Nationalsozialismus entweder kassiert oder auch zensiert wurde.


Erschwerend kommt hinzu, dass die Überlieferung häufig keine exakte Datierung ausweist, so dass das Bildmaterial nur in ungefähre Zeitspannen eingeordnet werden kann. Beispielsweise wurden die visuellen Quellen des ISGV aus diesem Jahrzehnt auf das Jahr 1945 datiert.


Die Auslassungen, Zäsuren und Fehldatierungen in der archivalischen Überlieferung bergen die Gefahr, ein verzerrtes Bild der historischen Entwicklung zu zeichnen. Unter diesen Bedingungen wird es nahezu unmöglich, allein auf Grundlage der Bildmedien Übergänge, Kontinuitäten sowie Umbrüche festzustellen und unterrepräsentierte Alltagserfahrungen (bspw. weibliche und migrantische) und systematisch ausgeblendete Lebensrealitäten sichtbar zu machen. Kuratoren und Kuratorinnen (historischer) Sammlungen und Archive stehen somit vor der Herausforderung tradierte Informationen kritisch zu reflektieren und einen Umgang mit etwaigen Auslassungen zu finden. Die Entwicklung von Strategien zur Berücksichtigung von marginalisierten Perspektiven und unsichtbaren Lebenswelten sollte künftig stärker in den Blick genommen werden.
Literatur
Jovita dos Santos Pinto, Emanuel Haab, L wie Lücke/Leerstelle, in: Jovita dos Santos Pinto, Emanuel Haab (Hg.), Glossar – «Widerstände. Vom Umgang mit Rassismus in Bern», https://histnoire.ch/glossar/l-wie-luecke-leerstelle/ [Zugriff: 29.11.2025].
Universitätssammlungen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Sammelaspekte Leer_Stelle, https://www.ub.uni-mainz.de/de/sammlungen/leer_stelle [Zugriff: 29.11.2025].
***
Die “Visuellen Zugänge zu Alltag und Kultur” sind Teil unseres Vorhabens “2026 – Kultur? Wissenschaft! – 1926” anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Einrichtung eines volkskundlichen Lehrstuhls an der Technischen Hochschule Dresden.
Nur der Text ist unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 4.0 International nutzbar. Alle anderen Elemente (Abbildungen, importierte Anhänge) sind „Alle Rechte vorbehalten“, sofern nicht anders angegeben.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Emily-Sophie Witt (5. Februar 2026). Historisch entstandene Bestandslücken. Bildsehen / Bildhandeln. Abgerufen am 14. September 2026 von https://doi.org/10.58079/15ms1

