Visuelle Zugänge zu Alltag und Kultur – Hintergründe
Die Produktion von fotografischem Bildmaterial war zu Beginn der 1920er-Jahre noch aufwendig und teuer: Plattenkameras waren groß, schwer und sperrig und erforderten lange Belichtungszeiten. Die fortschreitende Entwicklung handlicher, zunehmend preisgünstiger Fotoapparate, mit lichtstarken Objektiven, machte breiten Teilen der Gesellschaft ihre Nutzung möglich und trug im Laufe des Jahrzehnts zur Popularisierung der Fotografie bei. Dank serieller Druckverfahren fanden von Bildjournalist:innen auf Glasplatten oder mit Kleinbildkameras auf Rollfilme gebannte Fotos massenhaft Verbreitung in Zeitschriften, Illustrierten und Werbeanzeigen.

Auch in der volkskundlichen Forschung wurden vermehrt fotografische Verfahren eingesetzt. Auf dem Gebiet der Haus- und Sachforschung dienten zuvor aufwendige Maßstabszeichnungen und detaillierte Beschreibungen zur Inventarisierung historischer Bau- und Wohnformen, von landwirtschaftlichen Geräten, Werkzeugen, Volkskunst, Möbeln und Gegenständen täglichen Gebrauchs.

Nun wurden umfangreiche private wie institutionelle Bildsammlungen auf- und ausgebaut, und spätestens Mitte der 1930er-Jahre war die Fotografie als Dokumentations- und Erhebungsinstrument der Feldforschung etabliert. In Sachsen veranlasste Adolf Spamer 1936 den Aufbau eines Wort-, Film- und Bildarchivs. Sein Ziel war die volkskundliche Erschließung des gesamten sächsischen Raums. In seinem Auftrag begann im Jahr darauf seine Schülerin Else-Marie Wunderlich mit der fotografischen Erfassung von für die Sachkulturforschung relevanten Gegenständen aus sächsischen Museen und Sammlungen.


Innerhalb fachlicher Diskurse wurden die Zuverlässigkeit der fotografischen Dokumentation und die Anschaulichkeit des Bildmaterials hervorgehoben, galt dieses doch gemeinhin als exaktes Abbild der Realität. Allerdings zeigte sich in den Fotografien, vor allem während der Zeit des Nationalsozialismus, vielfach die Ausrichtung der Volkskunde an völkisch-rassistischen Ideologien: etwa in den von sogenannten Autorenfotograf:innen wie Hans Retzlaff angefertigten Porträts von Trachtenträger:innen oder in der Bildproduktion und Sammlung des Heimatwerk Sachsen.


Die Notwendigkeit seiner kritischen Einordnung und weiteren Aufarbeitung eingedenk, wurden mit den technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im „Zeitalter des Bildes“ (Stiegler 2006: 280) erste Grundlagen für die heutige kulturwissenschaftliche Forschung mit und über Fotografie(n) geschaffen.
Literatur
Walter Leimgruber u. a., Visuelle Anthropologie: Bilder machen, analysieren, deuten und präsentieren, in: Sabine Hess u. a. (Hg.), Europäisch-ethnologisches Forschen. Neue Methoden und Konzepte, Berlin 2013, S. 243-277.
Marsina Noll, Projekt „Museumsdokumentation“. Ein Erfassungsprojekt materieller Kultur in Museen und Privatbesitz, in: Digitales Bildarchiv des ISGV. Projekte, 01.03.2021, URL: https://bild.isgv.de/projekte/7 .
Thomas Overdick, Photographing Culture. Anschauung und Anschaulichkeit in der Ethnographie (Kulturwissenschaftliche Technikforschung 2), Zürich 2010.
Bernd Stiegler, Theoriegeschichte der Photographie, München 2006.
Kelly E. Wilder, Fotografie, in: Hans-Otto Hügel (Hg.), Handbuch Populäre Kultur, Stuttgart 2003, S. 201-205.
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Die “Visuellen Zugänge zu Alltag und Kultur” sind Teil unseres Vorhabens “2026 – Kultur? Wissenschaft! – 1926” anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Einrichtung eines volkskundlichen Lehrstuhls an der Technischen Hochschule Dresden.
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Nathalie Knöhr (5. Januar 2026). Fotografie und Volkskunde im Zeitalter des Bildes: Die 1920er- und 1930er-Jahre. Bildsehen / Bildhandeln. Abgerufen am 8. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/15fy7

