Visuelle Zugänge zu Alltag und Kultur
Bildquellen waren und sind für nahezu jedes Thema des Faches Volkskunde/Kulturanthropologie relevant; sie veranschaulichen und verdeutlichen Aspekte, die sich verbal schwerer oder aufwändiger – oder gar nicht – vermitteln lassen. Dennoch werden visuelle Quellen in den eher wortfixierten (Geistes-)Wissenschaften nach wie vor vorwiegend illustrativ eingesetzt. Dabei gehört die Forschung mit Bildern und über Bilder längst zum methodischen Instrumentarium der Disziplin.
Im deutschsprachigen Raum ist die Visuelle Anthropologie seit den 1980er-Jahren als eigener Schwerpunkt der Kulturanthropologie bzw. der Volkskunde etabliert. Sie geht davon aus, dass sich kulturelle Handlungen, Prozesse, Symboliken und Objekte durch Techniken wie Fotografie und Film erfassen, analysieren und darstellen lassen. Als Arbeitsmittel im Forschungsprozess wurden Bildmedien jedoch schon deutlich früher eingesetzt: Im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dienten sie vorwiegend als Illustration der Forschungsergebnisse, aber auch als Quellenmaterial. Es wurde damit begonnen, wissenschaftliche Fotosammlungen anzulegen, die sich an den Fragestellungen der frühen Volkskunde orientierten.


In Sachsen lassen sich die ersten Sammeltätigkeiten auf die Gründung des Vereins für Volkskunde im Jahr 1896, durch Oskar Seyffert (1862–1940), Karl Schmidt (1853–1922) und Eugen Mogk (1854–1939), zurückdatieren. Mit der Berufung Adolf Spamers auf die erste Professur für deutsche Philologie und Volkskunde an der Technischen Hochschule Dresden im Jahr 1926 wurde die Fotografie zunehmend auch zu Dokumentationszwecken eingesetzt, beispielsweise in der historischen Museumsdokumentation (ab 1937).


Diese ersten sammelnden und dokumentarischen Tätigkeiten bilden den Ausgangspunkt für das heutige ISGV-Bildarchiv. In den über 250.000 Bilddokumenten offenbart sich das breite Themenspektrum der volkskundlich-kulturanthropologischen Forschung der letzten 100 Jahre: Es enthält Aufnahmen von Dorfansichten, Hausbau und Handwerk. Märkte, Volksfeste und Bräuche sind ebenso abgebildet wie Vereinsaktivitäten oder private Urlaubserlebnisse. Die umfangreiche Sammlung von Post- und Ansichtskarten setzt bereits mit dem Jahr 1898 ein. Weiterhin sind Bestände zum Bergbau vorhanden sowie Landschaftsporträts, die von Strukturwandel in der Lebens- und Arbeitswelt zeugen. Einige Dokumentationen beschäftigen sich mit den Veränderungen von Siedlungsstrukturen, so beispielsweise im „sozialistischen Dorf“ der 1960er-Jahre; die regionalen und lokalen Folgen des wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Umbruchs nach der ‚Friedlichen Revolution‘ wurden zwischen 1994 und 1996 fotografisch begleitet.


So nehmen wir das 100-jährige Jubiläum der institutionalisierten Volkskunde in Sachsen zum Anlass, ein Schlaglicht auf verschiedene Formen der Bildnutzung innerhalb unserer Disziplin zu werfen. Die insgesamten zwölf Beiträge sind in vier Rubriken thematisch eingeordnet: sie bieten Einblicke in die Hintergründe, die Entwicklung und Grenzen der wissenschaftlichen Nutzung von Bildmaterial, zeigen Funktion und Lesarten von Fotografien jenseits der Abbildung auf, verweisen durch Instrumentalisierte Bilder? auf ihre Vereinnahmung durch politische Regime und eröffnen über die Fotografie hinaus Bilderwelten. Denn Abbilden und Sehen sind verknüpft mit den jeweiligen gesellschaftspolitischen, kulturellen und ökonomischen Entwicklungen; ihre Einbindung in den Entstehungs- und Verwendungskontext ist mittlerweile ein zentraler Aspekt der der visuellen Anthropologie.
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Die “Visuellen Zugänge zu Alltag und Kultur” sind Teil unseres Vorhabens “2026 – Kultur? Wissenschaft! – 1926” anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Einrichtung eines volkskundlichen Lehrstuhls an der Technischen Hochschule Dresden.
Literatur
Walter Leimgruber/Silke Andris/Christine Bischoff: Visuelle Anthropologie: Bilder machen, analysieren, deuten und präsentieren, in: Hess/Moser/Schwertl (Hg.): Europäisch-ethnologisches Forschen. Neue Methoden und Konzepte. Berlin 2013, S. 243 – 277.
Andreas Martin: Vorwort, in: Volkskunde in Sachsen, Aus dem Nachlass Adolf Spamers 03/1997, S. 5 – 8.
Andreas Martin: „Digitale Bilderwelten.“ Historische Sammlungen auf elektronischen Pfaden, in: Volkskunde in Sachsen 08/2003, S. 13 – 22.
Bernd Schöne: Vorwort, in: Volkskunde in Sachsen 01/1996, S. 5 – 6. Shaantanu Shende: Visual Anthropology, auf: https://anthroholic.com/visual-anthropology, zuletzt besucht: 15.12.2025.
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OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Marsina Noll (2. Januar 2026). 2026 – Kultur? Wissenschaft! – 1926. Bildsehen / Bildhandeln. Abgerufen am 10. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/15fk9
