Tür 19
„In Deutschland spricht man Deutsch!“ – ein wirklich unqualifizierter Kommentar, den man von Zeit zu Zeit zu hören bekommt. Abgesehen vom diskriminierenden Charakter solcher Aussagen ist dies auch schlichtweg nicht richtig. Denn neben den unterschiedlichsten Sprachen, die Menschen aus aller Welt nach Deutschland mitbringen, existieren hier ganze neun Amtssprachen: Neben Standarddeutsch sind das Niederdeutsch, Dänisch, Nordfriesisch, Saterfriesisch, Ober- und Niedersorbisch, Romanes und die Deutsche Gebärdensprache (DGS). Dem gesprochenen Deutsch gleicht diese in vielen Fällen (es gibt auch Dialekte und eine eigene Jugendsprache), hat jedoch auch einige Besonderheiten wie abweichende Wortstellungen oder den Gebrauch von Zeitformen aufzuweisen.
Sprache lässt sich nicht nur hören, sondern auch sehen; und noch dazu ist das Gebärden, wie das Sprechen für gehörlose, schwerhörige, aber auch hörende Menschen genannt wird, eine ziemlich dynamische Angelegenheit. Gebärdet wird mit vollem Körpereinsatz, denn neben Mimik und Gestik sind vor allem die sich bewegenden Hände die Träger der Kommunikation. Worte werden in der Regel in Sinnzusammenhängen wiedergegeben, aber auch das Buchstabieren ist über ein Fingeralphabet möglich. In der Gebärdensprache lassen sich Worte durch Bewegungen bilden und auch in grammatische Einheiten zerlegen, meist in einer Kombination aus Handstellung und Bewegung. Zeitaspekte werden zum Teil durch entsprechende Mimik oder das Dehnen einer Bewegung ausgedrückt. Etwas knifflig sind Namen: Hier wird, oft nach individuellen Gesichtspunkten, eine Art Beinamen vergeben, etwa nach Charaktereigenschaften oder äußerlicher Merkmale; einfacher ist es bei Berufsbezeichnungen oder zusammengesetzten Namen, deren Bestandteile man sprachlich zerlegen kann.

Den Status ihrer eigenen Sprache mussten sich Gehörlose und schwerhörige Menschen fast 200 Jahre lang mühsam erkämpfen. Und auch nachdem die Deutsche Gebärdensprache 2002 offiziell anerkannt und rechtlich durch das Behindertengleichstellungsgesetz gleichgestellt wurde, sind Gebärdende mit zahlreichen Hindernissen und Barrieren in Alltag und Beruf konfrontiert. Heute wird Gebärdensprache in eigenen Schulen unterrichtet, es gibt Lehrplanempfehlungen der Kultusministerkonferenz und man kann sie auch studieren, etwa im Studiengang Gebärdensprache an der Universität Hamburg.


Übrigens existieren Sprachbarrieren auch zwischen Gebärdenden: Während sich Menschen mit Deutscher Gebärdensprache auch in Belgien und Luxemburg verständigen, gelingt das in Österreich und der Schweiz nicht ohne weiteres. Hier existieren eigene Gebärdensprachen. Nahezu jede auf der Welt gesprochene Sprache hat so eine Entsprechung in der Gebärdensprache.

Dieser Vielfalt und der Beachtung der Umstände von Gehörlosen widmen die Vereinten Nationen mit dem 23. September einen Internationalen Tag. Diese Entscheidung fasste die UN-Generalversammlung genau heute vor acht Jahren. Seit 2021 ist die Deutsche Gebärdensprache auch im Bundesweiten Verzeichnis für Immaterielles Kulturerbe zu finden.


Robert Badura
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Gast (19. Dezember 2025). Deutsche Gebärdensprache (DGS). Bildsehen / Bildhandeln. Abgerufen am 10. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/15e6r
