Tür 9
Zu den naturbezogenen Traditionen und Techniken Kulturellen Erbes, wie sie die Deutsche UESCO-Kommission definiert, zählt auch das Flechthandwerk. Geflochten wird schon seit mehr als Zehntausend Jahren! Dass das Flechten über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg zu den wichtigsten Handwerkstechniken zählte, kann sich heute kaum noch jemand vorstellen – ihre größte Verbreitung haben Flechtwaren eher im Bereich der Inneneinrichtung oder als Wohnaccessoires. Und kaum jemand kann sich vorstellen, dass Flechterinnen und Korbmacher bis in die Hochmoderne und darüber hinaus die wichtigsten Transport- und Aufbewahrungsbehältnisse herstellten. Von der Antike bis zur Industrialisierung waren ihre Erzeugnisse unverzichtbare Investitionsgüter: Alles, was zu leicht für den Ochsenkarren war, wurde, meist von Frauen – mit Körben transportiert, – von Glaskugeln und Papiersternen, Holz- und Schnitzwaren, Spielzeug, über Textilerzeugnisse wie Wolle, Klöppelspitzen, Handschuhe, Kurzwaren, Oberbekleidung bis hin zu Nahrungsmitteln, Arzneien oder Lumpen. Und das oft auf dem Rücken, viele Kilometer und z.T. über Gebirgskämme hinweg; ohne Korb kein Warentransport vom Erzeuger zu den Märkten oder verarbeitenden Betrieben, kein Wäschetransport in die Kurorte und Sommerfrischen. Für die Logistik der Heimindustrien, gerade in der Textilwirtschaft des 18. und 19. Jahrhunderts, wie für den aufkommenden Tourismus war das Vorhandensein geflochtener Kapazitäten die Grundvoraussetzung und damit für den Reichtum ganzer Regionen, etwa im Vogtland oder der Lausitz. Ein wirklicher Verflechtungsraum!
Bis heute wird das Flechthandwerk nicht nur von Handwerker:innen oder in der Traditionspflege betrieben, wie etwa beim Spankorbflechten, dem sich Vereine verschrieben haben.



Rabe in Freiberg, Foto: Jörg Hennersdorf, 1997 (ISGV, Bildarchiv, 004094).
Körbe und Geflecht sind nach wie vor gefragt und interessant für den Möbelbau, die Bildenden Künste oder das Design – im erzgebirgischen Schneeberg kann man im Studiengang Gestaltung kunsthandwerkliche Praxis und theoretische Gestaltung verbinden. Schon früh erkannte man im oberfränkischen Lichtenfels den Bedarf einer geregelten Ausbildung und Vermittlung von Tradition, aber auch Innovation. Seit über 120 Jahren existiert hier nicht nur Deutschlands einzige Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung. Inmitten der historischen Region der Korb- und Flechtwarenherstellung rund um den Obermain befindet sich heute nicht umsonst das Europäische Zentrum für Flechtkultur, in dem man das Flechten jenseits von Korbmärkten weiterentwickelt und man dem Geflecht, etwa aus Holz und Stroh, bis zu modernen Materialien wie Kunststoffen auch im 21. Jahrhundert eine nach wie vor große Bedeutung zuschreibt und sich auch international verflechten will.






Robert Badura
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Gast (9. Dezember 2025). Flechthandwerk. Bildsehen / Bildhandeln. Abgerufen am 10. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/15azb
