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Fotografische Wahrnehmungsspaziergänge: Vom Entdecken

von Fanny Mundus und Antonia Akrap

Über etwas zu schreiben und etwas zu tun, das sind zwei verschiedene Dinge. Deshalb soll unser Begleitangebot zur Ausstellung „Alle fotografieren?“, die am 3. September im Jenaer Stadtmuseum feierlich eröffnet wurde, nun endlich in die Tat umgesetzt werden. Über die Vernissage und die Methode des Wahrnehmungsspazierganges wurde bereits geschrieben: https://fotografie.hypotheses.org/8515; https://fotografie.hypotheses.org/8368.

Jetzt machen wir uns auf den Weg. Auf geht’s zu unseren fotografischen Wahrnehmungsspaziergängen! Eine unserer Routen führt durch Jena, die andere durch das bayerische Mertingen. Unser Ziel dabei ist es, spazierend, beobachtend und fotografierend zu erkennen, wie Farben, aber auch Strukturen, Formen und Muster aller Art unseren Alltag prägen. Diese halten wir in Form einer fotografischen Serie fest.

Eine Jagd nach Mustern, Strukturen und Formen: Ein Spaziergang mit Antonia durch Jena

Meinen Spaziergang durch Jena teile ich auf zwei verschiedene Tage, zwei Wetterlagen und zwei unterschiedliche Jenaer Gebiete auf. Ein sonniger Freitagvormittag lädt mich zu meinem ersten Versuch ein. Ohne lange zu überlegen, entscheide ich mich für eine Runde an der Saale, die ich regelmäßig gehe. Von der Griesbrücke, der inoffiziellen „Entenbrücke“, führt mich mein Weg durch Wenigenjena, vorbei an farbenfroh gestrichenen Wohnkomplexen. Die Balkone bilden ein regelmäßiges Muster und wirken beruhigend auf mich – ein Foto sind sie definitiv wert, denke ich.

Georg-Weerth-Straße 10-18 (Foto: Antonia Akrap, 04.09.2026).

Weiter in Richtung Süden geht es vorbei an der alten, gemütlich grün umwachsenen Schillerkirche. Hier heiratete Schiller am 22. Februar 1790 Charlotte von Lengfeld.

Ein Anruf lässt mich hier etwas verweilen. Während des Gesprächs fällt mir die Steinmauer auf, die den Kirchengrund umgibt. Die großen hellen Mauersteine sind bewachsen mit Moos und anderen Pflanzen; sie haben raue, abgeplatzte und ebene Stellen. Mittendrin kriecht dann noch eine zarte Gehäuseschnecke.

Die Ruhe einer Gehäuseschnecke (Foto: Antonia Akrap, 04.09.2026).

Es geht weiter durch Wenigenjena. Mein Blick richtet sich nun weg von Pflanzen und anderen Lebewesen und hin zu den Dingen, mit denen Menschen ihre städtische Umgebung einrichten und materiell gestalten. Interessant werden jetzt Stromkästen, Straßenlaternen und Sitzbänke. In öffentlichen Parkanlagen verbreiteten sich diese ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ob man zu dieser Zeit schon damit rechnete, dass sie irgendwann einmal voll mit Tags und Stickern sein würden? Mein Blick verfängt sich auch an Türen und Fenstern. Sie sind so divers wie die Menschen, die darin wohnen. Da sind zum Beispiel an die Fenster geklebte Folien, die die Sicht nach Innen verhindern. Manche sind milchig weiß, andere bestehen aus bunten Mustern. Sie erinnern an Omas Häkelgardinen, die man nicht mehr so häufig sieht. Auf dem Weg zurück, entlang am grünen Camsdorfer Ufer, wird mir bewusst, dass ich einen weiteren Versuch unternehmen muss: Dieselbe Aufgabe, aber in einem anderen Stadtteil, um zu erkunden, was dort ganz anders, ähnlich oder genauso ist.

Wenigenjenaer Stromkästen (Foto: Antonia Akrap, 04.09.2026).
Wenigenjenaer Fensterscheiben (Foto: Antonia Akrap, 04.09.2026).

Mein zweiter Versuch findet an einem regnerischen Nachmittag statt. Ich plane meine Route so, dass ich Alltägliches erledigen kann und mich dazwischen etwas an der frischen Luft bewege. Der Spaziergang führt mich unter den Bahnschienen entlang an bunten mit Chrom besprühten Wänden und schließlich hinüber ins sogenannte Damenviertel. Ich finde eine Plastik-Tischdecke mit Muster auf einem privaten Verschenke-Tisch: „Bitte nichts dazu stellen“. Darauf befindet sich eine große türkisfarbene Aufbewahrungsbox mit einer Bohrmaschine.

Von Tischdecken, Bohrmaschinen und laminierten Hinweisschildern (Foto:  Antonia Akrap, 13.09.2026).
Damenviertel-Türen (Foto: Antonia Akrap, 13.09.2026).

Mit diesen Eindrücken im Kopf weiter spazierend fällt mir auf, dass die Hauswände, Haustüren und Fenster im Damenviertel mit ornamentalen, floralen und sich wiederholenden Strukturen verziert sind. Und sobald ich anfange, genauer auf diese Elemente zu achten, tauchen sie auf einmal an jeder Ecke auf. Auch Scherben und Scherbenhaufen kreuzen hier und da meinen Weg. Einen davon halte ich für fotografierenswert: eine zersprungene „Spezi“-Flasche. Wenigstens mal kein Bier und bunt, denke ich. Jena ist häufig spitz und scharfkantig. Manchmal auch weich, zuweilen etwas muffig. Aber immer schön – historisch, alt, farbenfroh.

Ein bewusst wahrgenommener Spaziergang, so zeigt sich, kann, auch wenn er zwischen Tür und Angel geschieht, es ermöglichen, ganz neue Dinge wahrzunehmen. Es findet sich aber möglicherweise auch das wieder, was sowieso schon mit einem Ort assoziiert wird. Fotografisch festgehalten werden jene Entdeckungen mit neuen Bedeutungen verknüpft. Der Spiegel in der St.-Jakob-Straße ist nicht mehr länger nur ein auf dem Boden stehender Spiegel. Er ist Fotokulisse, Sperrmüll, Straßenverschönerung oder -verschmutzung und nun in meiner Galerie und meinen Erinnerungen gespeichert.

Ein intakter Spiegel im Stadtzentrum? (Foto: Antonia Akrap, 13.09.2026).

Spannende Dinge lassen sich zu Fuß, in einem Umkreis von 20 Minuten und einer Kamera erleben. Auch wenn die Umgebung nicht besonders aufregend ist und die Fotos nicht unbedingt durch eine Ästhetik, eine besondere Komposition, Bild- oder Formensprache bestechen: Fotografieren als Alltagspraxis ist auch genau das, meiner Meinung nach.

Die Farbe Orange in Mertingen: Ein Spaziergang mit Fanny

Mein Spaziergang führt mich durch Mertingen, einem Dorf in Bayern, in dem ich mittlerweile schon zwei Wochen Urlaub gemacht habe. Abgesehen von meinem Weg zum Supermarkt, dem Bahnhof und einer Kneipp-Anlage kenne ich mich aber überhaupt nicht im Ort aus. An einem warmen, sonnigen Tag mache ich mich also auf den Weg, immerhin wollte ich die letzten richtig warmen Tage genießen. Ohne viel zu überlegen, entscheide ich mich, nach der Farbe Orange Ausschau zu halten und einfach den Weg auf der anderen Seite der Straße entlangzugehen.

Abgesehen von einer Frau, die den Gehweg vor ihrem Haus kehrt, scheine ich ganz allein unterwegs zu sein. Nach wenigen Minuten stehe ich vor einem riesigen Feld, am Horizont das Fabrikgebäude von „Monte“. Ich biege nach rechts auf den Feldweg ab und betrachte die Gärten der Häuser. Der Weg endet allerdings bereits nach wenigen hundert Metern am Bahnhof. Dennoch entdecke ich zum ersten Mal etwas Orangefarbenes: einen Zigarettenstummel. Nicht unbedingt das, was ich mir vorgestellt habe, aber trotzdem ein Foto wert.

Eine Unterführung bringt mich auf die andere Seite der Gleise und ich finde mich im Industriegebiet von Mertingen wieder. Das Erste, was ich bewusst wahrnehme, ist ein Schild, das mich darauf hinweist, dass ich hier bitte nicht rauchen soll. Zwei Fotos, zweimal das Thema Rauchen.

Zigarettenstummel im Kies (Foto: Fanny Mundus, 16.09.2026).
Bitte nicht rauchen (Foto: Fanny Mundus, 16.09.2026).

Direkt daneben stehen zahlreiche Fahrräder. Eines davon hat an jedem Rad zwei orangene Reflektorenscheiben. Als ich mein Handy hervorhole, um ein Foto zu machen, frage ich mich: Wieso haben wir als Erwachsene aufgehört, unsere Fahrräder mit bunten Sternen an den Speichen zu schmücken? Vielleicht hätten dann noch mehr Menschen Lust, häufiger mit dem Fahrrad zu fahren? Meinen Gedanken nachhängend, finde ich mich wieder auf einem Feldweg wieder. In einem Garten entdecke ich viele orangene Blumen, sorgfältig in einem Beet angeordnet. Links neben mir die Blumen und rechts die Bahngleise, das eine farbenfroh und beruhigend, das andere trist und laut.

Bunte Fahrradspeichen (Foto: Fanny Mundus, 16.09.2026).
Blumengarten (Foto: Fanny Mundus, 16.09.2026).

Weiter geradeaus gehend komme ich auf eine Brücke, unter der ein kleiner Bach fließt. Ich bleibe stehen und betrachte das Wasser. Wenn ich zurück in Jena bin, muss ich definitiv häufiger spazieren gehen, denke ich. Dann merke ich, dass ich auf diesem Weg nicht weiterkomme, drehe um und lande letztendlich auf der anderen Seite der Gleise, aber auch erneut auf einem Feldweg. Plötzlich wird es sehr warm und ich bemerke, dass ich meine Wasserflasche vergessen habe. Also suche ich nach einer Möglichkeit, mich kurz hinzusetzen. Bevor ich auf einem Stein Platz nehme, erkenne ich noch, dass dies der Sockel eines großen Kreuzes aus Holz ist, von dem Jesus auf mich herabsieht. Ich überlege kurz, ob es unhöflich ist, mich hierhin zu setzen und entscheide mich dann doch dafür, mich zumindest kurz auszuruhen.

Nach einigen Minuten stehe ich wieder auf, um mich langsam auf den Rückweg zu machen. Dabei entdecke ich den orangen Kronkorken eines Getränkes, welcher in den Boden getreten wurde. Ich lese „Bluna“ und denke, dass das bestimmt der Name einer Limonade ist.

Mein Rückweg führt mich über einen Parkplatz, auf dem mir sofort ein orangefarbener Mini in die Augen springt. Ich mache mein letztes Foto und merke, wie mir die Farbe Orange noch den ganzen Tag überall auffällt.

Kronkorken einer Limonade (Foto: Fanny Mundus, 16.09.2026).
Oranger Mini (Foto: Fanny Mundus, 16.09.2026).

Ich überlege, einen solchen Spaziergang ab sofort immer zu machen, wenn ich längere Zeit an einem neuen Ort bin. Das bedeutet, mir die Zeit zu nehmen, meine Umgebung wahrzunehmen und zu erinnern.

Bitte Nachmachen!

Das Tolle an diesem Spaziergang ist, wie sich gezeigt hat, dass er völlig flexibel, frei und individuell zu gestalten und umzusetzen ist. Ob du nun allein oder mit Freund: innen, zuhause, im Urlaub oder auf dem Weg zur Arbeit bist: Es lohnt sich, einfach einmal bewusst wahrzunehmen, den eigenen Sinnen zu folgen und dabei die Kamera gezückt zu halten. Es lohnt sich beim Fotografieren, auch zwei, drei oder mehrere Versuche zu unternehmen. Vielleicht ist das auch genau das, was du brauchst, um an einem Urlaubsort oder in einer neuen Stadt anzukommen.  Also schnapp dir einfach dein Handy oder eine Kamera und lauf los! Überlege dir vorher eine Farbe oder Form, auf die du dich konzentrieren möchtest und beobachte deine Umgebung. Egal wie lange und wo genau du unterwegs bist, richte deine Aufmerksamkeit auf den Moment und bleibe offen für das, was sich dir zeigt und was um dich herum passiert.

Der Beitrag entstand im Rahmen des Seminars „Sharing Pictures. Alltagsfotografie sichtbar machen, Wissenschaft kommunizieren“ (Leitung: Sandra Eckardt und Ira Spieker) am Seminar für Kulturanthropologie/Kulturgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena.


Nur der Text ist unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 4.0 International nutzbar. Alle anderen Elemente (Abbildungen, importierte Anhänge) sind „Alle Rechte vorbehalten“, sofern nicht anders angegeben.


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Antonia Akrap, Fanny Mundus (1. Oktober 2026). Fotografische Wahrnehmungsspaziergänge: Vom Entdecken. Bildsehen / Bildhandeln. Abgerufen am 10. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16vb3


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