Impressionen von Evelyn Richter
Bereits seit der Industrialisierung bilden Fotografien von Arbeit und Arbeitenden eine zentrale Motivgruppe in der visuellen Dokumentationspraxis. Zahlreiche Aufnahmen und Bildserien nehmen romantisierend, aufklärend, dokumentierend und kritisierend Menschen, ihre Gerätschaften und Tätigkeiten in den Blick. Das galt zunächst für bestimmte Berufszweige (wie Handwerk und Landwirtschaft), deren Erzeugnisse, Arbeitsvorgänge und Produktionsbedingungen. Zunehmend rückten die sozialen und gesundheitsgefährdenden Bedingungen industrieller Arbeitswelten in den Fokus – ebenso wie die prägenden Strukturen kapitalistischer oder sozialistischer Produktionsprozesse. Entsprechend änderten sich Inhalte und Intentionen der Fotografien: Anstelle beeindruckender und wertvoller Maschinen in leeren Hallen standen nun Menschen und Arbeitsvorgänge im Bildzentrum. Diese Entwicklung wurde nicht zuletzt durch den fototechnischen Fortschritt begünstigt: Dank kürzerer Belichtungszeiten ließen sich Bewegungsabläufe nunmehr scharf abbilden, anstatt wie zuvor zu „verwischen“. Seit Ende des 19. Jahrhunderts verfolgten Künstler:innen und Fotograf:innen verstärkt den Ansatz, ein vermeintlich realistisches Bild von Arbeitswelten wiederzugeben. Vor allem in sozialdokumentarisch motivierten Arbeiten zieht sich das Motiv bis in die Gegenwart. Zahlreiche Ausstellungen zeugen von der Faszination der Fotograf:innen und dem Interesse des Publikums.
Auch auf Evelyn Richter (1930–2021) übte das Thema ‚Arbeit‘ große Anziehungskraft aus. Das ISGV besitzt einen kleinen Bestand des Arbeitsnachlasses der bedeutenden Fotografin. Die Bildsujets lassen eindeutige Rückschlüsse auf das Umfeld sowie die Entwicklung von Künstlerin und Gesellschaft zu. Die frühen Fotografien entstanden in ihrer Heimat, der ländlichen Oberlausitz, und sind in ihrer Bildästhetik an Vorbildern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angelehnt: Der pflügende Bauer, in der Untersicht, repräsentiert trotz der schweren körperlichen Arbeit ein agrarromantisches Bild von ‚archaischer‘ Kraft und Eigenwirksamkeit.

Landwirtschaftliche Erntearbeiten erfordern jedoch ebenso Gemeinschaft und das Ineinandergreifen verschiedener Arbeitsgänge, um das Pensum bewältigen zu können, wie die folgende Aufnahme verdeutlicht.

Als freie Fotografin, die ihren Lebensunterhalt durch Aufträge bestreiten musste, war Evelyn Richter vor allem für die Presse, Verlage sowie im Kontext der Leipziger Messe tätig. Das Thema Arbeit zog sich als zentrales Motiv durch ihr gesamtes Werk, wenngleich oftmals nicht unmittelbar sichtbar. Denn neben den von ihren Auftraggebern gewünschten Aufnahmen ging sie stets auch eigenen fotografischen Interessen nach. Nur wenige dieser Fotos aber wurden bereits zum Zeitpunkt ihrer Entstehung öffentlich gezeigt – hierfür wäre eine staatliche Genehmigung erforderlich gewesen. Die Bilder verschwanden daher zunächst in der „Kiste“. Denn Richters Fokus, der sich ab den 1960er-Jahren verstärkt auf weibliche Arbeitswelten richtete, bediente nicht das offiziell erwünschte Idealbild der DDR-Frau: das der aktiven, optimistisch und stets fröhlich gestimmten Arbeiterin, die zudem mühelos die Familie versorgt. Insofern waren ihre Bilder „nicht auf Linie“.

Sie sind im Gegenteil sozial engagierte und kritische, aber auch empathische und bisweilen humorvolle Studien des Alltäglichen und seiner jeweiligen Besonderheiten, getragen von einem ausgeprägten künstlerischen Anspruch. Statt der ikonischen Traktoristin oder der Kranführerin zeigen die Aufnahmen Frauen an schweren, zum Teil veralteten Maschinen, die sie hochkonzentriert bedienen. Dieser sozialdokumentarische Ansatz lässt Strapazen sowie Erschöpfung erahnen und rückt Arbeiterinnen in den Blick, die in Gedanken versunken sind. Szenen mit jungen Auszubildenden machen Skepsis oder auch Langeweile sichtbar. Da Evelyn Richter besonders am „psychologischen Aspekt“ der Fotografie interessiert war, entstanden diese dokumentarisch-beobachtenden Arbeitsstudien.

In den Großbetrieben wirken die Frauen oftmals wie Rädchen im Getriebe: Sie scheinen regelrecht mit den gewaltigen Apparaturen zu verschmelzen und von ihren monotonen Arbeitsabläufen absorbiert zu werden. Die räumliche Positionierung, die Blickachsen und Linien, die sich aus dem Zusammenspiel von Arbeiterin und Maschine ergeben, lassen aber auch eine andere Lesart zu: die der aktiven Aneignung und Beherrschung der dominierenden Technik.

Die Fotografien dokumentieren den Arbeitsalltag in der DDR in all seinen Zumutungen und Zurichtungen, aber auch mit den Freiräumen, die sich boten oder erobert wurden. Immer wieder fing Richter flüchtige Momente ein: Seitenblicke, kurze Gespräche oder Pausen – kleine Fluchten aus dem Arbeitstrott. Zahlreiche Details wirken wie scheinbar zufällig ins Bild geraten und erzählen eigene, kleine Geschichten.

Literatur
Barbara Hofmann-Johnson: Kollegen bei der Arbeit. Die Fotografien von Günter Franzkowiak zwischen Schilderung und Portrait. In: Visual History, 24.04.2019, https://www.visual-history.de/2019/04/24/kollegen-bei-der-arbeit/ , DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1638.
Benedikt Eggensberger: Evelyn Richter – Bilder, nicht auf Lesbarkeit getrimmt (Fundstück aus dem ISGV / Oktober 2025), https://www.isgv.de/aktuelles/fundstuecke/details/fundstueck-aus-dem-isgv-im-oktober-2025.
Bertram Kaschek: Fotografie als Arbeit. Ein Gespräch mit Evelyn Richter. In: ders./Jürgen Müller/Wilfried Wiegand (Hg.): Bilder machen. Fotografie als Praxis. Dresden 2010, S. 11-20.
Brigitte Kraemer: Menschenbilder. Gelebte Geschichte von Menschen an ihrem Arbeitsplatz (2008/2009), https://industriemuseum.lvr.de/de/ausstellungen/ausstellungsarchiv/gelebte_geschichte/gelebte_geschichte_von_menschen_an_ihrem_arbeitsplatz_1.html (Nicht mehr online, 07.09.2026).
Günter Krawutschke: „Gesichter der Arbeit – Fotografien aus Ostberliner Industriebetrieben“ (2019/2020 ff.), https://technikmuseum.berlin/pressemitteilung/gesichter-der-arbeit/.
Agnes Matthias: Latenz der Bilder. Neue Fotografien von Evelyn Richcter. In: Im Moment. Neue Forschungen zur Fotografie aus Sachsen und der Lausitz. Dresden 2020, S. 76-89.
Jeanette Stoschek: „… du fotografierst gar nicht mehr schön“. Evelyn Richters Motive der Arbeiter und Arbeiterinnen. In: Linda Conze/Dies. (Hg.): Evelyn Richter. Leipzig 2022, S. 165-171.
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Die “Visuellen Zugänge zu Alltag und Kultur” sind Teil unseres Vorhabens “2026 – Kultur? Wissenschaft! – 1926” anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Einrichtung eines volkskundlichen Lehrstuhls an der Technischen Hochschule Dresden.
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Ira Spieker (5. September 2026). Arbeit – vor und hinter der Kamera. Bildsehen / Bildhandeln. Abgerufen am 9. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16qa4

