Ernst Hirschs Dokumentation „Die Frauenkirche zu Dresden“
Filmbilder spielen seit dem frühen 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle in der Volkskunde. Sie sind Werkzeug und Material zugleich: Während des Forschungsprozesses entstehen zum einen ethnografische Dokumentationen zur Datenerhebung oder Präsentation von Ergebnissen. Zum anderen untersuchen visuell Forschende bewegte Bilder anderer Filmemacher:innen, um Einblicke in gegenwärtige und historische kulturelle Praktiken, Wertvorstellungen oder Lebensstile zu gewinnen. Dabei wird „die Realität“ in Filmen nie einfach abgebildet, sondern immer konstruiert. Für die methodische Erschließung solcher Quellen beleuchten Kulturanthropolog:innen daher stets die Produktionsbedingungen, etwa die beteiligten Akteur:innen, ihre Motive sowie den gesellschaftlichen und kulturellen Kontext.
So können Filme wichtige Zeitzeugen für stadtgeschichtliche und räumliche Entwicklungen sein, wie das Projekt „Im Fokus“ am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde zeigt. Das Vorhaben widmet sich dem materiellen und immateriellen Erbe des Filmemachers und Filmesammlers Ernst Hirsch (*1936), dessen Arbeit von zentraler kulturwissenschaftlicher und filmischer Bedeutung für das visuelle Gedächtnis Dresdens ist.

Sein Werk besteht aus zahlreichen kunst- und kulturgeschichtlichen Filmen, die insbesondere historische Stadtaufnahmen, den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg sowie Persönlichkeiten des kulturellen Lebens der Stadt thematisieren. Hirschs Dokumentationen machen sichtbar, wie sich Bilder und Vorstellungen von Dresden – über zwei politische Systeme – veränderten. Die Kamera agiert hierbei nicht als neutrales Auge, sondern als aktiver Teil des Geschehens, der die Transformation von gebautem Raum und sozialer Praxis sequenziell festhält.
Ein zentrales Zeugnis dieser visuellen Raumkonstruktion ist die Dokumentation „Die Frauenkirche zu Dresden. Werden – Wirkung – Wiederaufbau“ (2010), die anlässlich einer Ausstellung im Stadtmuseum Dresden entstand. Der Film kombiniert historische Aufnahmen aus Hirschs Filmsammlung mit Ausschnitten aus seiner Langzeitdokumentation „Die Steinerne Glocke“ (1993–2005). Im Auftrag der Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche e. V. begleitete der Regiekameramann über zwölf Jahre das Baugeschehen sowie Ereignisse rund um die Rekonstruktion des Sakralbaus.


Die Dokumentation verdeutlicht erinnerungskulturelle Dynamiken und illustriert, wie sich die Narrative rund um das Dresdner Wahrzeichen wandelten: Die Kirchenruine, die in der DDR als offizielles „Mahnmal für die Opfer des Bombenkrieges“ galt, wird in Hirschs Film zu einem Symbol der deutschen Wiedervereinigung. Historische Filmbilder aus der Wendezeit zeigen Demonstrationen der Friedensbewegung in der DDR sowie Helmut Kohl, der sich vor den Trümmern der Kirche für die Einheit Deutschlands aussprach. Darüber hinaus präsentiert Hirsch die Frauenkirche als Ort des Friedens und der Versöhnung, etwa indem er über weltweite Spenden für das Bauprojekt und die Schenkung des neuen Kuppelkreuzes durch den britischen „The Dresden Trust“ berichtet.


Die materielle Rekonstruktion des Bauwerks ging Hand in Hand mit einer permanenten kommunikativen Neuverhandlung seiner Bedeutung. Ernst Hirschs filmische Begleitung fängt diese Verschränkung von physischem Raum, sozialer Interaktion und symbolischer Zuschreibung ein und macht sie für die kulturwissenschaftliche Analyse zugänglich.

Quellen
Sandra Eckardt/Torsten Näser, Ethnografisches Filmen, in: Christine Bischoff, Walter Leimgruber, Karoline Oehme-Jüngling (Hg.), Methoden der Kulturanthropologie, Bern 2014, S. 273-290.
Hubert Knoblauch/René Tuma: Videografie und Raum, in: Anna Juliane Heinrich, Séverine Marguin, Angela Million, Jörg Stollmann (Hg.), Handbuch qualitativer und visueller Raumforschung, Bielefeld 2021, S. 237-250.
Ina Merkel, Historisch-kritische Filmanalyse, in: Christine Bischoff, Walter Leimgruber, Karoline Oehme-Jüngling (Hg.), Methoden der Kulturanthropologie, Bern 2014, S. 257-272.
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Die “Visuellen Zugänge zu Alltag und Kultur” sind Teil unseres Vorhabens “2026 – Kultur? Wissenschaft! – 1926” anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Einrichtung eines volkskundlichen Lehrstuhls an der Technischen Hochschule Dresden.
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OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Luise Eberspächer (5. August 2026). Filme als zeitgeschichtliche Quellen. Bildsehen / Bildhandeln. Abgerufen am 15. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16ni5


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