Kreative Schreibwerkstatt zum Fotografiewettbewerb „Jena entdecken – mein Lieblingsort oder Lieblingsblick“
von Maria Varnava
Welche Lieblingsorte oder Lieblingsblicke gibt es in Jena? Eine Frage, auf die es wohl nicht nur eine Antwort gibt. Jede Person erlebt die Stadt auf ihre eigene Weise. Das Stadtmuseum Jena hat diese Frage mit einem Fotowettbewerb aufgegriffen. Gesucht wurden persönliche Lieblingsorte und besondere Blicke auf die Stadt, festgehalten in eigenen Fotografien. Auf diesen Aufruf wurden zahlreiche Bilder eingesandt, die Jena aus verschiedenen Perspektiven zeigen und die Geschichten hinter den jeweiligen Lieblingsorten erzählen. Im Rahmen des Seminars „Sharing Pictures: Alltagsfotografie kuratieren, Wissenschaft kommunizieren“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena haben auch wir uns auf die Suche nach den Geschichten hinter den eingereichten Fotografien gemacht.

Gemeinsam haben wir die Fotos betrachtet, unsere Gedanken dazu festgehalten und darüber diskutiert, welche Erzählungen, Erinnerungen und Gefühle sie transportieren. Die Bilder regten uns Studierende zum Nachdenken an. Fanny beispielsweise fragt sich, welche Rolle Veränderung für die Wahrnehmung eines Ortes spielt: Warum ist diese Aussicht der Lieblingsblick, und wieso ist dieses Wort in Anführungszeichengesetzt? Liegt es an den Gebäuden, den Menschen, Erinnerungen oder dem Gesamtbild? Was braucht ein Ort, eine Aussicht,um für eine Person etwas Besonderes zu sein? Und was passiert,wenn sich dieser Anblick verändert? Verliert der Ort seine Wirkung, wenn sich seine alte Form und Funktion verändern? Oder bleibt die Besonderheit bestehen? Dieser Ausblick existiert so nicht mehr, aber ist einem Menschen so sehr im Gedächtnis geblieben, dass er seit über 60Jahrensein Lieblingsblick geblieben ist und einen kurzen Blick in die Vergangenheit bietet.1 Vielleicht liegt genau darin die Besonderheit von Lieblingsorten: Sie verändern sich mit der Zeit und bleiben doch auf eine Art dieselben. Nicht, weil ihre Gebäude oder Landschaften unverändert sind, sondern weil die Erinnerungen, die wir mit ihnen verbinden, weiterbestehen. Die Fotografien des Wettbewerbs zeigen, dass Jena nicht nur aus Straßen und Häusern besteht, sondern vor allem aus den Geschichten der Menschen, die dort leben.

Während Fanny vor allem danach fragt, wie Erinnerungen und Veränderungen unsere Wahrnehmung von einem Ort prägen, richtet Nathalie den Blick auf die besondere Atmosphäre der Stadt. Für Nathalie entstehen Lieblingsorte nicht nur durch persönliche Geschichten, sondern auch durch Stimmungen, die einen Ort für einen Moment völlig verändern: Ich müsste häufiger wandern gehen, denke ich, wenn ich diese Bilder sehe. Auf den Hügeln und Bergen Jenas warten Parallelwelten. Atmosphärisch hängen im Winter die Nebelschwaden und Wolken über der Stadt. Das kann man aber erst sehen, wenn man sich aus ihr hinausbequemt hat. Die Fotos zeigen das Nebelmeer aus verschiedenen Positionen: vom Mönchsberg aus oder von unterhalb der Kunitzburg oder von Orten, die nicht näher benannt sind. Die bedeckte Stadt schafft eine mystische Stimmung, als wäre sie nicht da, als wäre da unten nichts außer dem Kirchturm, der durch den Dunst ragt. Als gäbe es nichts außer dieser Stille, dieser Ruhe. Auch diese Illusion wird erst wieder aufgebrochen, wenn die Wanderung zurück ins Tal führt, wo der Alltag wartet. Aber jetzt noch nicht. Jetzt sind wir erstmal hier oben.2 Vielleicht sind Lieblingsorte deshalb nie nur Orte. Sie entstehen in einem bestimmten Licht, einer Stimmung oder einem kurzen Augenblick, der genauso schnell wieder vergeht, wie er gekommen ist. Fotografien bewahren diese Momente, und genau dazu lädt Paula mit ihrem Text ein:
Warte niemals bis du Zeit hast,
Fang lieber den Moment ein,
Mach ein Foto von Ziegenalarm, Nebelwellen,
historisch denkenden Menschen und filigranen Formen.
Finde dabei den Paradies Biergarten auf einer szenischen Wanderung
und Verwurzelung im Stadtjungle.
Warte niemals bis du Zeit hast.3

Am Ende geht es also weniger darum, welcher Ort in Jena der schönste ist. Viel spannender ist die Frage, was einen Ort für einen Menschen besonders macht und warum gerade ein bestimmter Blick zum Lieblingsblick wird. Es sind die persönlichen Erinnerungen, Erlebnisse und Geschichten, die Orte mit Bedeutung füllen und die Stadt auf ganz unterschiedliche Weise lebendig werden lassen. Wer beim nächsten Spaziergang durch Jena genauer hinsieht, entdeckt womöglich selbst einen neuen Lieblingsort, hinter der nächsten Straßenecke oder oben auf einem der Jenaer Berge.
Der Beitrag entstand im Rahmen des Seminars „Sharing Pictures. Alltagsfotografie sichtbar machen, Wissenschaft kommunizieren“ (Leitung: Sandra Eckardt und Ira Spieker) am Seminar für Kulturanthropologie/Kulturgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
- Text: Fanny Mundus, Ein Blick in die Vergangenheit [↩]
- Text: Nathalie Stenger, Wandern über dem Nebelmeer [↩]
- Text: Paula Hannecke, Street photography [↩]
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OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Maria Varnava (8. Juli 2026). Jena durch die Linse. Bildsehen / Bildhandeln. Abgerufen am 9. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16j4g
