Über Feldpostkarten im Ersten und Zweiten Weltkrieg
Im Rahmen seiner volkskundlichen Forschungen sammelte Adolf Spamer (1883–1953) Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg, wodurch das (Digitale) Bildarchiv des ISGV eine umfangreiche Sammlung besitzt. Aber auch im Lebensgeschichtlichen Archiv des ISGV werden beispielsweise Feldpostkarten sowie weitere Kriegsüberlieferungen aufbewahrt. Dazu gehören die Materialien aus dem Fotoalbum des Soldaten Hans Grützner, die Rückschlüsse auf den Frontalltag und die gesellschaftlichen Stimmungen während der Kriege zulassen und in einem ständigen Forschungsinteresse stehen.
Mit der fortschreitenden technischen Entwicklung und der zunehmenden Verfügbarkeit von Kameras zählten Bilder und Filme bereits im Ersten Weltkrieg – mitunter sogar als erster „Medienkrieg“ bezeichnet – zu den zentralen Medien des Informationsaustausches. In diesem Kontext etablierten sich auch Feldpostkarten, auf denen zunehmend Bilder oder Zeichnungen abgedruckt wurden, als wesentliches Korrespondenzmittel zwischen Heimat und Front.
Die Motivik war dabei äußerst vielfältig: Einzel- oder Gruppenaufnahmen von Soldaten sowie Abbildungen von (zerstörten) Häusern und Kulturdenkmälern hielten Momentaufnahmen des Kriegsgeschehens fest. Daneben finden sich auch Schwarzweißgrafiken und Farbdrucke. Diese beliebten und schnell verfügbaren Massenmedien dienten nicht nur dem Transport von visuellen Eindrücken von Ereignissen auf der Vorderseite und privaten Nachrichten auf der Rückseite, sondern fungierten als kriegspropagandistisches Instrument. Für die Betrachtenden eröffneten sich dabei breite und vielschichtige Informations- und Interpretationsebenen. Karikaturen und satirische Darstellungen zielten auf eine Abwertung der gegnerischen Kriegsmacht ab. Gerade humoristische Motive standen dabei in einem starken Kontrast zur Realität des Kriegsgeschehens.

Darstellungen uniformierter Kinder sollten entweder an die eigene Familie erinnern oder die Beteiligungsbereitschaft der jüngeren Generation propagieren. Um auf realistische Abbildungen von Gewalt und Tod zu verzichten, griff man häufig auf symbolische Darstellungen zurück, zum Beispiel das Eiserne Kreuz als Chiffre für den „Heldentod“.


Während die Anzahl explizit propagandistischer Postkartenmotive im Verlauf des Ersten Weltkriegs zurückging, blieben Visualisierungen der familiären oder gesellschaftlichen Stimmung über den gesamten Kriegszeitraum hinweg populär. Dies rekurriert vermutlich auf die Kommunikation von mit der eigenen Familie, um nicht zuletzt die Moral der Truppen aufrechtzuerhalten.

Auch im Zweiten Weltkrieg spielten Feldpostbriefe und insbesondere Feldpostkarten (Bildpostkarten) eine zentrale Rolle in der Kommunikation zwischen dem Soldaten und seiner Familie. Abbildungen mit heimatlichen Motiven sollten beispielsweise eine visuell-imaginäre Brücke zwischen Heimat und Front schlagen und den an der Front kämpfenden Soldaten in seiner Moral zusätzlich bestärken. Als regionales Beispiel dient der nationalsozialistische Propagandaverein „Heimatwerk Sachsen“, der zwischen 1939 und 1943 fünf groß aufgelegte Serien von Feldpostkarten veröffentlichte, die primär an sächsische Soldaten oder Familien ausgegeben wurden. Die Abbildung 5 zeigt das klassische Layout der Heimatwerk-Postkarte: ein (Heimat-)Bild mit dem sogenannten Sachsenzeichen – ein übernommenes Symbol des Heimatwerks zur Verdeutlichung der Geschichte Sachsens und dessen wirtschaftlicher Produktivität – und auf der rechten Seite das Postwertzeichen sowie Platz für Anschrift. Tradierte Bilder wie Landschaften und Sehenswürdigkeiten aus dem Gau Sachsen sollten die Gefühle und Werte der Heimat visuell zusammenfassen, an die (jeweilige) Heimat des Soldaten oder des Empfängers beziehungsweise der Empfängerin erinnern sowie auch offensichtlich propagieren.



Literatur
Paul Gerhard, Bilder des Krieges, Krieg der Bilder. München 2004
Christine Brocks, Die bunte Welt des Kriegs. Bildpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg. Essen 2008
Ulrich Keller, „Der Weltkrieg der Bilder. Organisation, Zensur und Ästhetik der Bildreportage 1914–1918“, in: Fotogeschichte. Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie, Jg. 33 (2013), H. 130, S. 5-50
Bernd Kleinhans, Der Erste Weltkrieg als Medienkrieg: Film und Propaganda zwischen 1914 und 1918, in: APuZ am 10. April 2014.
Adolf Spamer, Der Krieg, unser Archiv und unsere Freunde. Ein Aufruf des Volkskundearchivs des Bayerischen Vereins für Volkskunst und Volkskunde in München, in: Bayerische Hefte für Volkskunde 2 (1915), S. 1-72.
Lena Rackwitz, „Feldpost im Ersten Weltkrieg”. Deutsche Propagandapostkarten, kuratierter Zugang des Digitalen Bildarchivs des ISGV.
Philipp Eller und Nick Wetschel, „Erinnerungen an den Krieg“. Das Fotoalbum des Soldaten Hans Grützner, kuratierter Zugang des Digitalen Bildarchivs des ISGV.
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Die “Visuellen Zugänge zu Alltag und Kultur” sind Teil unseres Vorhabens “2026 – Kultur? Wissenschaft! – 1926” anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Einrichtung eines volkskundlichen Lehrstuhls an der Technischen Hochschule Dresden.
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Christoph Sauer (5. Juli 2026). Grüße an die Heimat. Bildsehen / Bildhandeln. Abgerufen am 10. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16ij3

