von Antonia Akrap
Sonntag, der 7. Juni 2026, Treffpunkt Goethe Galerie in Jena. Strahlendes Sonnenlicht bricht durch die gläserne Decke und setzt das Innere des Einkaufszentrums in Szene. Einige Menschen passieren die Galerie, im Hintergrund hört man eine Gruppe Jugendlicher vor Freude kreischen. Für einen Sonntag sind ungewöhnlich viele Menschen in diesem zentralen Jenaer Einkaufszentrum. Nicht Jena-kundige Menschen müssen wissen, dass die Goethe Galerie auch außerhalb der Öffnungszeiten der Geschäfte betreten werden kann. Häufig nutzen sie Jenaer:innen deshalb als Abkürzung zwischen dem Zentrum und dem Westen der Stadt. Während hier sonntags aber sonst nur Passant:innen und Spaziergänger:innen unterwegs sind, bot sich am 7. Juni ein anderes Bild: Fotobegeisterte versammelten sich zu einem besonderen Anlass.

Bereits um 9 Uhr morgens fanden sich in der „GöGa“ Mitglieder des Fotozirkels UNIFOK Jena e. V. zusammen, um die letzten Vorbereitungen für die bevorstehende Vernissage zu treffen. Einmal jährlich stellt der Fotoclub hier Fotografien seiner Mitglieder zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten aus. Die vorangegangenen Wochen hatten sich daher wieder einmal um die Auswahl, Aufbereitung und Rahmung der auszustellenden Werke gedreht. Viele helfende Hände brachten diese schließlich an metallenen Ausstellungswänden an, die längs im zentralen Durchgang der Galerie platziert wurden. Gesellschaft leisteten ihnen dabei Wissenschaftler:innen und Filmschaffende aus Göttingen und Dresden. Im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungs- und Ausstellungsprojektes „Alle fotografieren?“ begleiten sie den Fotoclub seit mehr als einem halben Jahr wissenschaftlich, fotografisch und filmisch. Die Ergebnisse werden im Jenaer Stadtmuseum zu sehen sein: Hier findet die erste von drei Ausstellungen statt, gefolgt von Museen in Hattingen und Dresden.

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Doch was haben der Blick auf die Kernberge mit Frontalaufnahmen der Straßenbahn, die ehemaligen Baustellen des Ernst-Abbe-Campus mit charakteristischen Beispielen für Kunst am Bau bei Winzerlaer Plattenbauten oder die Plastiken im öffentlichen Raum mit dem Ausbau der A4 bei Neu-Lobeda gemein? Es ist das Motiv der Zeit, dem sich die Fotograf:innen des UNIFOK Jena e.V. in ihrer Fotoausstellung widmen. Unter dem Titel „Jena im Wandel der Zeit“ trug der Club mehr als 100 Zeitdokumente zusammen: historische wie gegenwärtige Fotografien. In vielfältigen Perspektiven erzählen sie die Geschichte der Stadt durch die „Linse“ ihrer Bewohner:innen.
Während sich die Ausstellung zwischen Gestern und Heute bewegt und dabei insbesondere städtebauliche Veränderungen der jüngeren und älteren Vergangenheit in den Blick nimmt, stellt sie die Fotografie als alltagskulturelle Praxis selbst in den Mittelpunkt. Im Rahmen des kooperativen Forschungsprojektes geht es dabei konkret um die Erforschung der Fotografie als gemeinschaftliche wie auch als individuelle Praxis und darum, wie sich in lokalen Fotopraktiken selbst ein visuelles Erbe formiert und entwickelt. Wie sehr Fotografien die Rezeption einer Stadt prägen und aktiv mitgestalten können, zeigt sich am Jenaer Beispiel.


Ausblick
Der Posaunenchor der evangelischen Luthergemeinde stimmt an und eröffnet die Vernissage. Die Sonne brennt, und es ist drückend warm unter dem gläsernen Dach, während der stellvertretende Vorsitzende des Fotoclubs, Claus Rose, mit seiner Eröffnungsrede beginnt. Unter den Gästen befinden sich bekannte Gesichter des Jenaer Kulturbetriebs, Angehörige und Mitglieder des Fotoclubs, weiterhin ist der jüngst gewählte Präsident des Landesverbands Thüringen der Gesellschaft für Fotografie anwesend, einem „Verband von Fotofreunden, von Amateur- und Berufsfotografen“. Zeit, so fährt der Sprecher fort, sei ein schwieriges Motiv der Fotografie und die Ausstellung stelle keine Dokumentation dar, sondern eine Erzählung über uns selbst: sowohl als Beobachtende als auch als Fotografierende. Das Anstoßen mit einem „virtuellen Sekt“ eröffnet die Schau schließlich offiziell: Die Gäste strömen aus, stellen Fragen und diskutieren angeregt über die ausgestellten Bilder. Dazwischen, stets bemüht, alle Impressionen mit Ton und Bild einzufangen, sind die Projektmitarbeiter:innen aus Göttingen mitsamt Filmequipment. Das gesammelte Filmmaterial wird schließlich in einen von drei Filmen einfließen, die in der Ausstellung im Stadtmuseum Jena gezeigt werden.
Während bis zum 27. Juni die Fotografien des Jenaer Fotozirkels in der Goethe Galerie besichtigt werden konnten, dürfen Besuchende bereits auf das nächste, die Fotografie betreffende Highlight gespannt sein: Am 3. September wird die neue Sonderausstellung des Stadtmuseums Jena eröffnet, die sich ganz der Geschichte, den Praktiken und Entwicklungen der (lokalen) Fotokultur widmet.
Der Beitrag entstand im Rahmen des Seminars „Sharing Pictures. Alltagsfotografie sichtbar machen, Wissenschaft kommunizieren“ (Leitung: Sandra Eckardt und Ira Spieker) am Seminar für Kulturanthropologie/Kulturgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

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OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Antonia Akrap (30. Juni 2026). Jena und Zeit: Im Blick. Bildsehen / Bildhandeln. Abgerufen am 9. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16hit
