Die Propagandafotografien des Heimatwerks Sachsen und ihre Nachnutzung
Kontexte und Provenienzen sind für Analysen und Interpretationen von Bildern unerlässlich, enthalten sie doch zusätzliche Informationen bereit, in welchen Zusammenhängen jene entstanden sind. Einen besonderen Bestand des (digitalen) Bildarchivs des ISGV bildet die Sammlung “Bildstelle Heimatwerk Sachsen”. Er enthält circa 3.000 Bildkarten, die Metadaten wie Titel, Beschreibung, Datierung und Signatur, vor allem aber auch Provenienzmerkmale aufführen. Das Konvolut umfasst scheinbar harmlose Aufnahmen von Dörfern und Städten, Festen und Bräuchen, Sehenswürdigkeiten sowie Landschaften. Darüber hinaus enthält es Fotografien von Industrie und Arbeiter:innen. (Abb. 1)

Die werbenden Bilder passten auch zum Hauptgedanken des Heimatwerks Sachsen. Der kulturpolitische NS-Verein wurde 1936 „zur Förderung des sächsischen Volkstums“ im Gau Sachsen unter der Schirmherrschaft des Gauleiters und Reichsstatthalters Martin Mutschmann (1879–1947) gegründet. Ziel war es, regionalkulturelle Aktivitäten in Sachsen zu kontrollieren und koordinieren. Ebenfalls sollten auch die volkskundlichen Forschungen gefördert werden. Dabei wurden der Öffentlichkeit auch Identifikationsangebote – primär für Sachsen und sekundär für den NS-Staat – bereitgestellt. Im Vordergrund stand eine durchweg positiv konnotierte Darstellung Sachsens, die jedoch auf geschichtsrevisionistischen und rassistischen Inhalten basierte. Während vermeintlich kulturelle, wirtschaftliche und regionale Besonderheiten sowie landschaftliche Schönheiten hervorgehoben wurden, wurden andere Kulturen und Menschen ausgegrenzt.
Gerade Fotografien stellten ein zentrales und besonders wirkungsvolles Medium dar, das sich hervorragend für propagandistische Zwecke eignete. Da das Heimatwerk eigene Zeitschriften und andere Publikationen veröffentlichte, waren Bilder, die den Auslegungen des Heimatwerks entsprachen, als Abbildungen für Texte notwendig. 1937 gründete man daher in den Räumen der Landesbildstelle Sachsen (Vorgängerinstitution der heutigen Deutschen Fotothek) eine eigene Heimatwerk-Bildstelle. Späterer Leiter wurde Richard Herold (1898–1972), der selbst als Fotograf für ‚seine‘ Bildstelle tätig war.
Die auf den ersten Blick unscheinbaren Motive von Landschaften, Städten sowie Kulturdenkmälern zielten auf identitätsstiftende Prozesse ab. Sie sollten Werte und Gefühle einer homogenen sächsischen ‘Heimat’ vermitteln. (Abb. 2) Dabei waren die Bildinhalte keineswegs neu: Motive von Landschaften und Sehenswürdigkeiten knüpften an bereits etablierte und immer wiederkehrende Bildästhetiken an, die sich im kulturellen Gedächtnis der sächsischen Bevölkerung gefestigt hatten. (Abb. 3 bis 5) Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Schutz von Kulturdenkmälern gezielt als Legitimation für die Fortführung des Krieges instrumentalisiert.



Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der NS-Diktatur wurde der materielle Nachlass des Heimatwerks Sachsen, einschließlich der Bildsammlung, 1946 an das Institut für Volkskunst und Volksbrauch an der TH Dresden unter der Leitung von Adolf Spamer (1883–1953) übergeben. In einer Zeit von Ressourcenknappheit verfolgte das Institut eine Nachnutzung der Bildsammlung, die zum Aufbau eines „Grundstocks für die Forschungen der sächsischen Volkskunde“ beitrug. Ein Teil des Bestands wurde im Zuge der Entnazifizierung zensiert oder ausgesondert. Etwaige NS-Symbole wurden geschwärzt. (Abb. 6). Teile der Bildstellte wurden in das volkskundliche Bildarchiv einsortiert und sollten für die Forschungen, beispielsweise zu Bräuchen, Festen, Spielzeug oder Trachten, nutzbar gemacht werden. Die auf den Heimatwerkbildkarten (rosafarben) aufgebrachten Bilder wurden teils auf die neuen (braunen) Institutsbildkarten umgeklebt. (Abb. 7 und 8). Da sich die historischen Rahmenbedingungen nach 1945 fundamental verschoben, veränderten sich auch die Funktionen der Bildmedien aus den Vorjahren. Dies spiegelt auch die inhärente Ambivalenz wider, die der Interpretation visueller Quellen innewohnt.


Literatur
Thomas Schaarschmidt, Regionalkultur und Diktatur. Sächsische Heimatbewegung und Heimat-Propaganda im Dritten Reich und in der SBZ/DDR, Köln 2004 (Geschichte und Politik in Sachsen. 19).
Bianca Brendel, Sachsen – Land der Vielfalt, Land der Arbeit, kuratierter Zugang des Digitalen Bildarchivs des ISGV.
Christoph Sauer, Fotografie, Heimat und Propaganda. Die Bildstelle des Heimatwerks Sachsen (1936–1945), in: Neues Archiv für sächsische Geschichte (2025), S. 183-224.
Ders., Artikel: Richard Herold, in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde.
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Die “Visuellen Zugänge zu Alltag und Kultur” sind Teil unseres Vorhabens “2026 – Kultur? Wissenschaft! – 1926” anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Einrichtung eines volkskundlichen Lehrstuhls an der Technischen Hochschule Dresden.
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Christoph Sauer (5. Juni 2026). Der schöne Schein. Bildsehen / Bildhandeln. Abgerufen am 9. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16cd1




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